Allgemein
Ndrangheta ist die Bezeichnung der ursprünglich von Kalabrien aus operierenden Mafia-Organisation, deren Zellen (ital. ‚locali’) mittlerweile auf der ganzen Welt operieren. Es gibt Schätzungen über den Jahresumsatz der solchermaßen organisierten kriminellen Organisationen, dass er sich auf ca. 44 Mrd. EUR belaufe. Viele Experten sehen in der Ndrangheta somit die reichste europäische Mafia-Organisation.
Der Name
Die Herkunft des Wortes Ndrangheta ist nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich ist jedoch eine Ableitung aus griechischen Dialekten, die in Kalabrien seit der Kolonisierung durch die Griechen im Altertum auch weiterhin existieren. Dort gibt es den Begriff andragatia und andragathos, was so viel wie Tugendhaftigkeit, Mut und Heldentum bedeutet.1 Diese Herleitung stellt somit einen fundamentalen Bestandteil der mafiösen Mentalität dar, da sie dem Wunsch einer positiven Selbstdarstellung entspringt. Aus den jüngsten Ermittlungstätigkeiten der Anti-Mafia Staatsanwaltschaft Reggio Calabria wird deutlich, dass die mafiöse Organisation intern andere Worte zur Selbstbezeichnung nutzt, wie zum Beispiel „Provincia“ oder „Crimine“2
Ursprünge
Strukturen der Organisation sind seit den 1860er Jahren erkennbar.3 Die tiefe Ernüchterung oder gar Depression in Folge der Vereinigung Italiens trat in Konfliktherden im Süden Italiens deutlich zu Tage. In Kalabrien gab es am Anfang des 19. Jahrhunderts eine Explosion des Brigantentums, die sich auch auf das benachbarte Kampanien, Apulien und die Basilikata ausbreitete. Hier trafen im „Banditenkrieg“, Unterschichten und Staat, ländliche „Guerilla“ und reguläre Armee aufeinander.4 Die Widerstände richteten sich im Allgemeinen gegen die Einmischung des neuen Staatswesens in immer weitere Lebensbereiche, aber auch gegen die vom Wechsel profitierenden Aufsteiger, die die Organe des neuen Staates erfolgreich zur Verfolgung eigener Interessen nutzten.
Aktuell
Die Ndrangheta zählt aktuell vermutlich etwa 7000 Mitglieder und umfasst etwa 90 Clans oder Cosche (benannt nach dem sizilianischen Wort für die Artischocke, die als Symbol für den Zusammenhalt stehen soll). Im Vergleich zur Cosa Nostra basiert die Mitgliedschaft in der Ndrangheta weit stärker auf Blutsverwandtschaft, die einzelnen Mitglieder nennen sich ’ndrinu und der Clan selbst ’ndrina. Der Blutsverwandtschaft ist auch ein größerer Zusammenhalt zu verdanken. Ähnlich wie in Sizilien die Kleinstadt Corleone gibt es auch in Kalabrien Orte, welche als besondere Hochburgen oder gar Symbole der Ndrangheta gelten: zum Beispiel Platì oder San Luca am Fuße des Aspromonte, dem südlichsten Gebirge Italiens. In vieler Hinsicht traurige und verlassen wirkende Dörfer.5
Bis heute hat sich die kalabresische Ndrangheta zu einer der stärksten und einflussreichsten Mafien der Welt entwickelt. Mehr noch als die anderen italienischen kriminellen Organisationen, wie die „Cosa Nostra“ aus Sizilien und die „Camorra“ aus Kampanien, besitzt die kalabresische Version die Kapazität sich stets auf Modernisierungs-, und Neuerungsprozesse einzustellen. Nicht umsonst konnte sich die Ndrangheta in den letzten 20 Jahren zur finanzträchtigsten Mafia in Europa und in der Welt entwickeln. Heute gilt sie als Erfolgsmodell für organisierte Kriminalität schlechthin: obwohl sie einheitliche Entscheidungs- und Verantwortungsstrukturen besitzt6 ist sie weniger hierarchisch geordnet als die sizilianische Mafia und organisiert sich eher föderal – jeder kalabresische Clanchef ist somit freier in seinen Entscheidungen.7
Duisburg / Ndrangheta in Deutschland
Spätestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich die Ndrangheta ausgehend von ihrer Heimat in der Provinz Reggio Calabria ausgebreitet und hat mittlerweile globale Macht- und Aktionsstrukturen aufgebaut. Somit ist sie natürlich auch seit Längerem in Deutschland präsent.8 Aber erst nach den Mafiamorden in Duisburg am 15. August 2007 hat auch eine breitere deutsche Öffentlichkeit begonnen, das Problem der Ndrangheta wahrzunehmen. Der Mord an sechs Italienern auf offener Straße war das erste Massaker größeren Ausmaßes, das die Ndrangheta im Ausland verübt hat – eine „absolute Neuigkeit“ nach Meinung des italienischen nationalen Antia-Mafia Staatsanwalt Pietro Grasso.9
Seitdem hat auch in Deutschland ein zivilgesellschaftliches Engagement begonnen, wie die Gründung des Vereins „Mafia? Nein Danke!“ noch im
selben Jahr10 oder die Präsentation des Projekts Museo della Ndrangheta am italienischen Kulturinstitut Berlin am 17. April 2008 belegen. Auch die Zusammenarbeit der deutschen und italienischen Strafverfolgungsbehörden hat sich seitdem vertieft, wie Renato Cortese bestätigt, der italienischerseits für die Aufklärung der Duisburger Morde zuständig war.11 Dennoch kann keine Rede davon sein, dass sich die deutsche Gesellschaft und die deutsche Politik der Gefährdung der Demokratie genügend bewusst ist, welche von dieser Form der organisierten Kriminalität ausgeht.12
2011
Einer der aktuellsten Mafia-Fälle war die Verhaftung des mutmaßlichen Ndranghetista Bruno Pizzata in Oberhausen am 04. Februar 2011. Nachdem am 2. Dezember 2010 von der Anti-Mafia-Direktion in Catanzaro (Kalabrien) im Rahmen der Operation „Overloading“ ein Haftbefehl gegen Pizzata erlassen worden war, konnte ihn die deutsche Polizei in Zusammenarbeit mit der italienischen „Guardia Di Finanza“ in seiner Pizzeria verhaften. Der aus San Luca stammende Pizzata zählt nach Angaben der Ermittlungsbehörden zu den prominentesten Drogenhändlern der Welt.
Desweiteren sind bei der internationalen Großrazzia „Crimine 2“ gegen die Ndrangheta am 8.März 2011 in Deutschland sechs mutmaßliche Mitglieder der Ndrangheta festgenommen worden. In Zusammenarbeit mit dem BKA wurden Festnahmen in Frankfurt/Main und in Baden-Württemberg durchgeführt. Weitere 35 mutmaßliche Ndranghetisti wurden in Italien, Kanada und Australien festgenommen. „Die Operation der Strafverfolgungsbehörden auf drei Kontinenten zeigt, dass die Ndrangheta bis heute ein einheitlicher Organismus ist“, sagte der die Ermittlungen leitende Anti-Mafia Staatsanwalt von Reggio Calabria, Giuseppe Pignatone.13
1 Vgl. Ciconte, Enzo: ’Ndrangheta, Catanzaro 2008, S. 13-15.
2 Vgl. Pignatone, Giuseppe: La Ndrangheta dopo l’operazione ‚Il Crimine’ (2008-2010), in: La Camera, Claudio (Hrsg.): Vincere la ndrangheta, Rom 2011, S.41. „Ai vertici dell’associazione si pone un organo collegiale, definito Provincia o anche Crimine, con la precisazione che quest’ultimo termine é riferito anche alle singole articolazioni associative e, in altre occasioni, all’intera associazione.“
3 Vgl. Ciconte, Enzo: ’Ndrangheta: storia e mentalità, in: La Camera, Claudio (Hrsg.): Vincere la ndrangheta, Rom 2011, S. 53/54.
4 Vgl. Reinhardt, Volker: Geschichte Italiens, München 2006, S. 108 ff.
5 Ebd.
6 Vgl. Grasso, Pietro: Conclusioni, in La Camera, Claudio (Hrsg.): Vincere la ndrangheta, Rom 2011, S. 390
7 Vgl., Ciconte, Enzo, a.a.O., S. 47-50
8 Vgl. Forgione Francesco: Mafia Export. Come „Ndrangheta, Cosa Nostra, e Camorra hanno colonizzato il mondo, Milano, 2009, S. 119 ff.
9 Vgl. http://www.focus.de/panorama/welt/ermittlungen_aid_69836.html, Zugriff am 3.6.2011
10 Vgl. http://www.mafianeindanke.de/ueber-uns, Zugriff am 3.6.2011
11 Vgl. http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/hier-gibt-es-schlafende-kamikaze/, Zugriff am 3.6.2011
12 Vgl. http://www.sueddeutsche.de/politik/italienische-mafia-als-mafioso-wuerde-ich-in-deutschland-investieren-1.6460, Zugriff am 3.6.2011
Vgl. http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/auch-ein-deutsches-problem/, Zugriff am 3.6.2011
Vgl. auch Reski, Petra: Mafia – Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern, München, 2009, pp. 7-20
13 http://www.abendblatt.de/vermischtes/article1807300/Grossrazzia-gegen-Mafia-Festnahmen-auch-in-Deutschland.html

